Was passiert bei einem schamanischen Feuerritual?

Mein erstes schamanisches Feuerritual

Um eines klarzustellen: Meine Idee, zu einem schamanischen Feuerritual zu gehen, war es nicht. Ich fühle mich komisch. Wie ich so vor dem steinernen Grill mit der glosenden Glut stehe, in der Hand zwei rosa Zettel mit zwei Wünschen drauf. Susanne Wendt (56), Heilpraktikerin aus Rellingen und Huna-Schamanismus-Lehrerin, lächelt mir aufmunternd zu. „Erst reinigen wir deine Aura und dann bittest du Pelé um die Erfüllung deiner Wünsche.“ Aha. Pelé, die hawaiianische Göttin des Feuers, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Ob eine Göttin jemandem, der sie gar nicht kennt, Wünsche erfüllt? Ich bin ein wenig skeptisch. 

Wenige Minuten zuvor hat Susanne mir und meinen vier Kolleginnen eine Einweisung in den Huna-Schamanismus gegeben. Wir wollten für diese Ausgabe einen Erfahrungsreport machen. In einer Gruppe, um uns austauschen zu können. Also kommen Maike, Merle, Alena und Lena mit. Wir haben uns für Susanne entschieden, weil sie nach unseren Recherchen als eine der wenigen Schamanismus im Kreis Pinneberg anbietet und uns empfohlen wurde. 

„Und vergiss nicht, dich dreimal zu bedanken. Das ist ganz wichtig“, erinnert mich Susanne mit eindringlicher Stimme, während ich auf die Glut starre. Wie? Laut? So dass es alle hören? Ach du meine Güte. Was sagt man denn da so? 

Sie selbst hat bei einer Schamanismus-Meisterin gelernt und schätzt Huna wegen seiner lebensbejahenden Fröhlichkeit und dass es dabei viel Raum für freie Entfaltung gibt. „Huna-Heilrituale tun gut“, sagt sie. „Es ist eine Lebensphilosophie, keine Religion.“ Huna gehe davon aus, dass alles beseelt ist. In Trance könne man mit allem Kontakt aufnehmen. Mit Steinen, Blumen oder Geistern. Und mit Hilfe der Rituale, die „wie ein Gespräch mit der geistigen Welt“ seien, könne man sein Leben, seine Seele wieder mehr in Einklang mit Mutter Erde bringen. „Huna kennt drei parallele Welten“, erklärt sie. „Die obere Welt der Geister, die mittlere Welt, in der wir jetzt sind, und die Unterwelt der Kraft- und Seelentiere, die wir später besuchen werden.“ Ja? Wie denn? 

In der einen Hand hält Susanne eine Muschelschale, in der anderen einen Bund mit schwelenden Salbeiblättern, mit dem sie an mir entlang fährt. Rauch umschmeichelt mich. Es riecht gut. Sogar sehr gut. Ich atme tief ein, trete auf das Feuer zu und spreche – ich glaube es kaum – zu Pelé. Dass ich mich freuen würde, wenn sie mir meine Wünsche erfüllen würde, die ich nicht sagen darf. Ich bin froh, dass mir die anderen nicht zuhören. Sie sind noch drinnen. Nicht, weil es peinlich ist. Sondern irgendwie persönlich. Ich werfe meine rosa Zettel ins Feuer hinein und bedanke mich dreimal laut. Geschafft. 

Susanne nennt das, was sie macht, spirituelle Energie-Medizin. Und ist es leid, dass diese immer in die Esoterik-Ecke geschoben wird. Dass viele Menschen nicht an Geistheilung glauben, weiß sie. Aber sie weiß auch, wie und wem sie schon alles geholfen hat. Wie dem jungen Mädchen, das den Missbrauch aus der Kindheit nicht hinter sich lassen konnte. „Einen guten Heiler zeichnet aus, dass er sagt, dass er nicht heilt. Sondern dass er ein Medium ist, das Energie überträgt.“ Und: „Wer zu mir kommt, ist offen dafür.“ 

Die anderen sind dran. Eben haben sie alle noch ein bisschen ungläubig gegrinst. Doch nun ist jede ganz ernst. Andächtig und nachdenklich wirft jede für sich ihre Zettel in die Glut. 

Über etwas reden ist anders als es tatsächlich zu tun. Für mich war es gar nicht so leicht, konkrete Wünsche zu formulieren und dann auch noch um deren Erfüllung zu bitten. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mich das letzte Mal bewusst gefragt habe, was ich in meinen Leben loslassen will. Und was ich gern ab sofort hätte. Ich musste einige Zeit darüber nachdenken. Die anderen übrigens auch. Interessante Übung in diesem modernen Leben voller Funktionalität, Selbstoptimierung und Pflichterfüllung. 

„Sei achtsam mit allen Dingen“, sagt Susanne. „Das ist eine Kernaussage von Huna. Verletze niemanden. Was du denkst, ist Energie. Worte können heilen, aber auch verletzen.“ Ich muss ihr im Stillen Recht geben. „Bist du achtsam, wird es sich potenzieren.“ Das wäre schön.

Nach dem Feuerritual sollen wir unsere Krafttiere kennenlernen. „Im Schamanismus hat jeder ein persönliches Krafttier. Man kann ihm begegnen und es um Rat fragen.“ Ohoh, da ist sie wieder – die Skepsis. 

Der Weg zum Krafttier führt über eine Meditation. Susanne macht Musik an. Wir sollen die Augen schließen und uns vorstellen, fest mit Erde und Himmel verbunden zu sein. Dann weist sie uns mit sanfter Stimme an, uns unseren persönlichen Ort der Kraft vorzustellen. „Es kann alles sein“, sagt sie. „Eine Wiese, ein Baum, ein Strand.“ Ich stelle mir einen Wald vor, mit großen Bäumen. Die Sonne scheint. Glaube ich. Es gefällt mir dort. „Nun rufe dein Krafttier zu dir.“ Während ich mir noch ziemlich sicher bin, dass das nie und nimmer funktionieren wird, erscheint vor meinem inneren Auge ein – Reh. Ernsthaft? Ich hatte eigentlich eher etwas mit Krallen und mehr Zähnen erwartet. Ein Reh. Hm. Nett. Ich mag Rehe. 

Wir verweilen eine Weile. Dann zählt Susanne bis fünf, und ob ich will oder nicht, öffne ich, zack, die Augen. Wie hat sie das denn gemacht? 

Jede von uns hat etwas anderes gesehen. Die eine ein Pferd, die nächste einen Falken, die vierte eine Katze und die fünfte einen Wolf. Oder Bären. Sie ist sich nicht ganz sicher. Zu jedem Tier gibt es eine Bedeutung, eine Erklärung. Mein Reh steht dafür, wieder mehr mit dem Herzen zu denken und mehr Harmonie im Leben zuzulassen. Das kann nicht schaden, denke ich. 

Nach zwei Stunden ist die Sitzung vorbei. Wir alle lachen, sind entspannt, fühlen uns befreit. Wie, als seien wir ein bisschen besser gewappnet für den Tag. Salbeigeruch haftet uns an, erinnert den ganzen Tag an unsere Wünsche. 

Meine haben sich leider noch nicht erfüllt. Aber das Jahr ist ja auch noch lang. 

Ein paar Tage später sehe ich ein Reh in den Knick huschen. „Na, bist du meins?“, sage ich laut und muss unwillkürlich lächeln. Es ist ein gutes Gefühl. 

Huna-Schamanismus gehört zum sogenannten Neo-Schamanismus und ist eine moderne spirituelle Bewegung, die traditionelle Weltanschauungen und als schamanistisch bezeichnete Rituale indigener Stämme und Völker aufnimmt und neu kombiniert. Huna ist ein hawaiianisches Wort und bedeutet „verborgen“. Die Lehre besteht aus philosophischen, psychologischen, spirituellen und esoterischen Elementen und interpretiert die alte Religion Hawaiis. Huna hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Anhänger vor allem in vielen Ländern Europas und in Amerika sowie im pazifischen Raum erlangt. 

 

 

Warum Lean Management privat nicht funktioniert

Die Kolumne von Birgit Schmidt-Harder aus dem Stadtgespräch, Ausgabe # 1, 2017

Und? Wie war Ihr Weihnachtsfest? Meines war toll. Ehrlich. Wir haben so viele schöne neue Vorsätze gefasst – mein Mann und ich.

Warum? Na, wir machen jetzt Lean Management in der Familie. Sie wissen schon: schlankere Strukturen, bessere Wertschöpfungskette, Selbstoptimierung, offene Feedback-Prozesse. Nur eben auf Familienniveau.

Mein Mann sagt, was auf Geschäftsebene funktioniert, kann im privaten Bereich doch gar nicht so schlecht sein. Schluss mit leerem Kühlschrank, vollen Wäschekörben und unerledigten Hausaufgaben. „Raus aus der Komfortzone!“, ist das Motto der Stunde. Da geht noch was! Wir müssen den anderen Familien gegenüber doch konkurrenzfähig bleiben!

Ich gab ihm vollkommen recht und wollte gern dazu beitragen. Also führten wir als erstes ein persönliches Zielvereinbarungsgespräch für  2017. Also er mit mir. Wo ich meine Stärken und Schwächen sehen würde, was ich gern besser machen möchte und woran es wohl läge, dass ich die Wäsche nicht in den Griff bekäme?

„Einfach machen, verstehst du?“, riet mein Mann mir eindringlich und legte mir die Hand auf die Schulter. „Du musst es einfach machen“, – (man achte auf die Doppeldeutigkeit) – „und vor allem gleich. Klar?“

Klar. Aber wenn ich einen anderen Termin und die Kinder…? „Ach was! Quick and dirty! 80 Prozent reichen! Na los!“

Dann erstellte er eine Tabelle auf dem White Board, das er mir zu Weihnachten geschenkt hatte. „Bügeln? Macht wer? Du? Bis wann? Diese Woche noch oder kommt das auf die Langläuferliste? Fang doch bitte gleich morgen mit der Umsetzung an.“

Das tat ich. Allerdings stellte sich heraus, dass die Lehrerin unseres Sohnes 80 Prozent bei Klassenarbeiten als „nicht ausreichend“ einstufte. Und dass “quick and dirty” beim Kochen übel ausgeht. Und als ich die ehelichen Pflichten auf die Langläuferliste setzte und dabei die letzten 20 Prozent wegließ, bestand mein Mann umgehend auf einem Feedback-Gespräch.

Wir haben dann das White Board in den Müll geworfen. Und uns gedacht: Was privat funktioniert, könnte auf Geschäftsebene manchmal auch nicht so schlecht sein, oder?

Warum Nachbarn etwas Wunderbares sind.

Warum Nachbarn etwas Wunderbares sind

Die Kolumne von Birgit Schmidt-Harder aus dem Stadtgespräch, Ausgabe # 2, 2017

Nachbarn sind was Wunderbares. Sie hüten ein, wenn man im Urlaub ist, gießen Blumen und haben ein Auge auf die Kinder. Das ist bei meinen Eltern so, bei meinen Kollegen und meinen Freunden auch.

Und wer sich mal austauscht über seine Nachbarschaft, stellt fest: Nachbarn ticken überall gleich! Fast könnte man sagen, es gibt bestimmte Typen unter ihnen. Und gesetzt den Fall, ich würde es wagen, eine Nachbar-Typologie zu erstellen, würde sie – nicht ganz ernst gemeint – in etwa so lauten:

Die Flodders: Sie sind furchtbar nett – aber entsetzlich unordentlich. Ihr Rasen steht kniehoch, die Fenster sind fast blind und der feine Unterschied zwischen Unkraut und Gestrüpp ist ihnen nicht ganz geläufig. Dafür sind sie tiefenentspannt. Und wenn Kinder mit Kreide schlimme Wörter auf ihre Auffahrt malen, lachen sie herzlich und parken einfach drüber.

Der Bastler: Er kann alles, weiß alles und hat das gesamte Black-und-Decker-Sortiment in seiner Garage, die er natürlich ganz allein in zehn Minuten hochgezogen hat. Was er nicht müde wird zu betonen. Lob ist sein Brot, wer ihn um Hilfe bittet, muss applaudieren, bis die Hände bluten.

Die Sheriffs: Sie leben gleich hinter der Gardine und sehen alles. Wer zum Kaffee kommt, was auf der Wäscheleine hängt und wieso Nachbar xy nicht endlich seine Hecke schneidet. Lieber würden sie die Polizei rufen, als auch nur einen Fehler durchgehen zu lassen, den sie selbst natürlich nie begehen würden. Sie sind nicht sehr beliebt. Aber seit sie da sind, ist die Einbruchsquote um 90 Prozent gesunken.

Die Prolls: Sie fahren Golf GTI oder einen getunten 3er BMW – und auch in der Spielstraße niemals unter 60 km/h (was die Sheriffs in den Wahnsinn treibt). Grüßen können sie nicht, Kinn heben muss reichen, ansprechen unerwünscht. Was nichts macht. Außer über Autos haben sie eh nicht viel zu sagen.

Die Engel: In ihrem Haus wohnt die Seele der Straße. Sie helfen, wo Not am Mann ist, unprätentiös und ohne große Worte, nur mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie sind die besten Nachbarn der Welt. Diskret, unaufdringlich und liebenswert. Und zum Glück gibt es sie in Pinneberg fast überall …

Welche Schule für mein Kind?

Kultusministerin Britta Ernst zum Thema "Welche Schule für mein Kind?"

Schule hat sich sehr verändert in den vergangenen Jahren. Wer heute sein Kind für die 5. Klasse anmeldet, weiß oft nicht mehr, was es erwartet. Wir haben Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) um Rat gefragt.

Frau Ministerin, wenn Sie ein Kind hätten, würden Sie sich für einen Platz auf dem Gymnasium oder auf der Gemeinschaftsschule entscheiden?

Ich würde sehr genau auf mein Kind schauen und mich dann nach einem Gespräch mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer für die Schule entscheiden, die für mein Kind und sein Lernverhalten in meiner Region die beste ist.

In Pinneberg ist vor allem die Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe beliebt, weil hier das Abitur nach neun (G9) statt nach acht Jahren (G8) erworben werden kann. Ist es Zeit, G8 wieder auf den Prüfstand zu stellen?

Wir haben nach einem engagierten Bildungsdialog eine breit anerkannte Schulstruktur mit zwei weiterführenden Schularten in Schleswig-Holstein, den Gemeinschaftsschulen und den Gymnasien. Das Gymnasium erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. G8 hat in Schleswig-Holstein nicht zu einem Rückgang der Anmeldezahlen geführt. Zudem ergab der Rücklauf einer Umfrage an den Gymnasien von Landesschülervertretung und Landeselternbeirat im Jahr 2013, dass G-8-Schülerinnen und -Schüler nicht unzufriedener mit ihrem Schulalltag sind als G9-Schülerinnen und -Schüler. Das erfahre ich auch so bei meinen Schulbesuchen – es gibt also keinen Grund und keine Pläne, die Ergebnisse des Bildungsdialogs in Frage zu stellen. Was wir aber feststellen ist, dass Eltern sich ein genaues Bild über die einzelnen Schulen machen. Auch die Gemeinschaftsschulen treffen auf hohe Akzeptanz.

Viele Eltern sagen, der Druck auf die Schüler auf den Gymnasien mit G8 sei merklich gestiegen. Vor allem die Sekundarstufe 1 (bis 9. Klasse) sei durch die Verdichtung kaum zu bewältigen. Müssen Lehrpläne angepasst werden?

Ich teile die Einschätzung über gestiegenen Druck an G8-Gymnasien nicht. Das Gymnasium ist und bleibt die Schulform für leistungsstarke Kinder, die ihre Lernprozesse gut mitsteuern können. Und wie gesagt: Die Attraktivität der Gymnasien ist erfreulicherweise ungebrochen. Die Lehrpläne – wir nennen sie heute Fachanforderungen – werden überarbeitet. Bis heute wurden bereits für 22 Fächer neue Fachanforderungen für die Sekundarstufen I und II eingeführt. Weitere neun befinden sich in Arbeit und weitere 13 Fachanforderungen werden bis zum Jahr 2020 erarbeitet und eingeführt. Die Gymnasien haben sich mittlerweile gut auf den verkürzten Bildungsgang eingerichtet: So wurden unter anderem Mensen gebaut, Ganztagsangebote entwickelt, der Unterricht neu rhythmisiert und Fachcurricula und Regeln für Hausaufgaben erarbeitet, um die Schülerinnen und Schüler zu entlasten.

Eltern haben in Schleswig-Holstein ab Klasse 5 die freie Schulwahl, sehen sich aber mit begrenzten Kapazitäten an „Lieblingsschulen“ konfrontiert. Was raten Sie den Eltern?

Das ist vor allem ein Thema der Schulträger, und es klappt sicher nicht in jedem Fall mit der ersten Wahl, sondern es kommt vielleicht die an zweiter Stelle favorisierte Schule zum Zuge. Die freie Schulwahl ist aus unserer Sicht ein wichtiges Recht der Eltern, das ihnen mit dem Schulgesetz 2007 eingeräumt wurde. Die Eltern machen davon rege Gebrauch und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es gut fänden, wenn sie bei der Wahl der Schule nicht mehr entscheiden könnten – deshalb stehen wir dazu. Begrenzte Aufnahmekapazitäten sind durch die objektiv vorhandenen und nicht unendlichen Räumlichkeiten an den einzelnen Schulen nicht zu verhindern. Ich bin aber angesichts der guten Arbeit an unseren Schulen sicher, dass alle Eltern einen Platz an einer Schule finden, die ihrem Kind gerecht wird. Viele Eltern ziehen ja auch nicht nur eine Schule in Betracht.

Eltern und Kindern wurde viel zugemutet in den vergangenen Jahren, wie beispielsweise die Einführung und Abschaffung der Regionalschule. Gibt es neue Pläne, auf die sich die Eltern einstellen sollten?

Die Schulstruktur in Schleswig-Holstein bietet jetzt zwei weiterführende Schulen, an denen alle Abschlüsse bis zum Abitur erreicht werden können. Das ist eine gute, moderne Struktur, um die uns alle Bundesländer beneiden und die in Schleswig-Holstein lange Bestand haben wird. Daher wird die Frage der Schulstruktur anders als früher keine große Rolle mehr spielen. An erster Stelle steht das Ziel einer hundertprozentigen Unterrichtsversorgung sowie die Verbesserung der Qualität, wobei uns die IQB-Studie bescheinigt hat, dass unser Bundesland neben Bayern und Sachsen die besten Neuntklässler in Deutsch und Englisch hat. Darauf können unsere Schulen sehr stolz sein. Wir wollen, dass noch mehr Schülerinnen und Schüler mindestens den ersten Abschluss erreichen, den Übergang in die Ausbildung verbessern, die Schulen auf den besseren Umgang mit digitalen Medien vorbereiten und mehr Ganztagsschulen einrichten.

Ein großes Eltern-Thema ist das Sitzenbleiben. Es wurde praktisch abgeschafft. Kinder sollen lieber zusätzlich gefördert werden als eine Klasse zu wiederholen. Ist eine Förderung, die noch mehr Zeit frisst, wirklich besser als eine Ehrenrunde?

Wir haben 2001 durch die PISA-Studie gelernt, dass es Sitzenbleiben fast nur in Deutschland gibt. Die Kinder sind ja meistens nicht in allen Fächern schlecht. Wenn andere Länder durch individuelle Förderung die Schülerinnen und Schüler in der Klasse halten können, sollten wir das auch schaffen. Deshalb wurde das Sitzenbleiben in den vergangenen Jahren erfolgreich deutlich reduziert.

Seit 1990 ist die inklusive Schule bildungspolitisches Ziel in Schleswig-Holstein. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Inklusion steht außer Frage. Die Realität aber sieht zum Beispiel in einer 2. Klasse in einer Grundschule in Pinneberg so aus: 20 Kinder, drei davon schwer verhaltensauffällig, eine Lehrkraft, ein Sozialpädagoge und drei Schulbegleiter. Erklären Sie, warum die Eltern der nicht förderbedürftigen Kinder sich keine Sorgen über die Unterrichtsqualität machen müssen.
Die Qualität von Schule und Unterricht muss stimmen. Dafür gibt es viele gute Instrumente wie die bundesweit durchgeführten einheitlichen Vergleichsarbeiten VERA in Klasse 3 und 8. Die Situation, die Sie beschreiben, zeigt ja, wie wir heutzutage mit multiprofessionellen Teams aus Lehrkräften, Schulassistenzen und Sozialpädagoginnen und -pädagogen die Schülerinnen und Schüler gut unterstützen. Zudem bilden wir die Lehrkräfte immer besser für den inklusiven Unterricht aus und fort. Wir wissen auch inzwischen: Kinder und Jugendliche können durch inklusiven Unterricht kognitiv und sozial wachsen. Es ist – das zeigen uns Untersuchungen – eine falsche Annahme, dass lernbegabte Schülerinnen und Schüler darunter litten, dass Mitschülerinnen und -schüler langsamer seien.

Viele Schulen Pinnebergs sind marode, die Stadt hat die Sanierungsarbeiten in Angriff genommen. Kiel hat viel geholfen. Was kann Kiel noch tun?

Die Fragestellung zeigt mir, dass Sie die Zuständigkeiten kennen: Der Schulträger ist für seine Schulgebäude verantwortlich. Wir helfen aber – zum Beispiel gibt es Geld vom Bund für energetische Sanierung: 100 Millionen Euro für Schleswig-Holstein. Die Landesregierung hat beschlossen, dies ausschließlich für Schulen und Kitas zu verwenden.

Die Schulen haben im vergangenen Jahr in den DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) Großes geleistet. Welche Früchte trägt diese Arbeit?

Es verdient in der Tat großen Respekt, wie es den Schulen im vergangenen Jahr gelungen ist, die große Zahl geflüchteter Kinder und Jugendliche zu integrieren. Aktuell werden derzeit im allgemeinbildenden Bereich 7 204 Schülerinnen und Schüler ohne deutsche Sprachkenntnisse in den Basisstufen beschult; sie verteilen sich auf 263 DaZ-Zentren, davon 20 an Gymnasien, und werden in 521 DaZ-Klassen unterrichtet. Weitere 4 451 Schülerinnen und Schüler erhalten an den berufsbildenden Schulen und regionalen Berufsbildungszentren ein Angebot an Berufsorientierung und Deutschunterricht.
Birgit Schmidt-Harder

Zur Person:
Britta Ernst (SPD) wurde 1961 in Hamburg geboren. Die Volkswirtin und Sozialökonomin war viele Jahre in der Hamburger SPD aktiv. Seit 2012 ist sie Fraktionsgeschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, im September 2014 wurde sie Ministerin für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein. Britta Ernst ist mit Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz verheiratet.