Kultusministerin Britta Ernst zum Thema "Welche Schule für mein Kind?"

Schule hat sich sehr verändert in den vergangenen Jahren. Wer heute sein Kind für die 5. Klasse anmeldet, weiß oft nicht mehr, was es erwartet. Wir haben Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) um Rat gefragt.

Frau Ministerin, wenn Sie ein Kind hätten, würden Sie sich für einen Platz auf dem Gymnasium oder auf der Gemeinschaftsschule entscheiden?

Ich würde sehr genau auf mein Kind schauen und mich dann nach einem Gespräch mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer für die Schule entscheiden, die für mein Kind und sein Lernverhalten in meiner Region die beste ist.

In Pinneberg ist vor allem die Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe beliebt, weil hier das Abitur nach neun (G9) statt nach acht Jahren (G8) erworben werden kann. Ist es Zeit, G8 wieder auf den Prüfstand zu stellen?

Wir haben nach einem engagierten Bildungsdialog eine breit anerkannte Schulstruktur mit zwei weiterführenden Schularten in Schleswig-Holstein, den Gemeinschaftsschulen und den Gymnasien. Das Gymnasium erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. G8 hat in Schleswig-Holstein nicht zu einem Rückgang der Anmeldezahlen geführt. Zudem ergab der Rücklauf einer Umfrage an den Gymnasien von Landesschülervertretung und Landeselternbeirat im Jahr 2013, dass G-8-Schülerinnen und -Schüler nicht unzufriedener mit ihrem Schulalltag sind als G9-Schülerinnen und -Schüler. Das erfahre ich auch so bei meinen Schulbesuchen – es gibt also keinen Grund und keine Pläne, die Ergebnisse des Bildungsdialogs in Frage zu stellen. Was wir aber feststellen ist, dass Eltern sich ein genaues Bild über die einzelnen Schulen machen. Auch die Gemeinschaftsschulen treffen auf hohe Akzeptanz.

Viele Eltern sagen, der Druck auf die Schüler auf den Gymnasien mit G8 sei merklich gestiegen. Vor allem die Sekundarstufe 1 (bis 9. Klasse) sei durch die Verdichtung kaum zu bewältigen. Müssen Lehrpläne angepasst werden?

Ich teile die Einschätzung über gestiegenen Druck an G8-Gymnasien nicht. Das Gymnasium ist und bleibt die Schulform für leistungsstarke Kinder, die ihre Lernprozesse gut mitsteuern können. Und wie gesagt: Die Attraktivität der Gymnasien ist erfreulicherweise ungebrochen. Die Lehrpläne – wir nennen sie heute Fachanforderungen – werden überarbeitet. Bis heute wurden bereits für 22 Fächer neue Fachanforderungen für die Sekundarstufen I und II eingeführt. Weitere neun befinden sich in Arbeit und weitere 13 Fachanforderungen werden bis zum Jahr 2020 erarbeitet und eingeführt. Die Gymnasien haben sich mittlerweile gut auf den verkürzten Bildungsgang eingerichtet: So wurden unter anderem Mensen gebaut, Ganztagsangebote entwickelt, der Unterricht neu rhythmisiert und Fachcurricula und Regeln für Hausaufgaben erarbeitet, um die Schülerinnen und Schüler zu entlasten.

Eltern haben in Schleswig-Holstein ab Klasse 5 die freie Schulwahl, sehen sich aber mit begrenzten Kapazitäten an „Lieblingsschulen“ konfrontiert. Was raten Sie den Eltern?

Das ist vor allem ein Thema der Schulträger, und es klappt sicher nicht in jedem Fall mit der ersten Wahl, sondern es kommt vielleicht die an zweiter Stelle favorisierte Schule zum Zuge. Die freie Schulwahl ist aus unserer Sicht ein wichtiges Recht der Eltern, das ihnen mit dem Schulgesetz 2007 eingeräumt wurde. Die Eltern machen davon rege Gebrauch und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es gut fänden, wenn sie bei der Wahl der Schule nicht mehr entscheiden könnten – deshalb stehen wir dazu. Begrenzte Aufnahmekapazitäten sind durch die objektiv vorhandenen und nicht unendlichen Räumlichkeiten an den einzelnen Schulen nicht zu verhindern. Ich bin aber angesichts der guten Arbeit an unseren Schulen sicher, dass alle Eltern einen Platz an einer Schule finden, die ihrem Kind gerecht wird. Viele Eltern ziehen ja auch nicht nur eine Schule in Betracht.

Eltern und Kindern wurde viel zugemutet in den vergangenen Jahren, wie beispielsweise die Einführung und Abschaffung der Regionalschule. Gibt es neue Pläne, auf die sich die Eltern einstellen sollten?

Die Schulstruktur in Schleswig-Holstein bietet jetzt zwei weiterführende Schulen, an denen alle Abschlüsse bis zum Abitur erreicht werden können. Das ist eine gute, moderne Struktur, um die uns alle Bundesländer beneiden und die in Schleswig-Holstein lange Bestand haben wird. Daher wird die Frage der Schulstruktur anders als früher keine große Rolle mehr spielen. An erster Stelle steht das Ziel einer hundertprozentigen Unterrichtsversorgung sowie die Verbesserung der Qualität, wobei uns die IQB-Studie bescheinigt hat, dass unser Bundesland neben Bayern und Sachsen die besten Neuntklässler in Deutsch und Englisch hat. Darauf können unsere Schulen sehr stolz sein. Wir wollen, dass noch mehr Schülerinnen und Schüler mindestens den ersten Abschluss erreichen, den Übergang in die Ausbildung verbessern, die Schulen auf den besseren Umgang mit digitalen Medien vorbereiten und mehr Ganztagsschulen einrichten.

Ein großes Eltern-Thema ist das Sitzenbleiben. Es wurde praktisch abgeschafft. Kinder sollen lieber zusätzlich gefördert werden als eine Klasse zu wiederholen. Ist eine Förderung, die noch mehr Zeit frisst, wirklich besser als eine Ehrenrunde?

Wir haben 2001 durch die PISA-Studie gelernt, dass es Sitzenbleiben fast nur in Deutschland gibt. Die Kinder sind ja meistens nicht in allen Fächern schlecht. Wenn andere Länder durch individuelle Förderung die Schülerinnen und Schüler in der Klasse halten können, sollten wir das auch schaffen. Deshalb wurde das Sitzenbleiben in den vergangenen Jahren erfolgreich deutlich reduziert.

Seit 1990 ist die inklusive Schule bildungspolitisches Ziel in Schleswig-Holstein. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Inklusion steht außer Frage. Die Realität aber sieht zum Beispiel in einer 2. Klasse in einer Grundschule in Pinneberg so aus: 20 Kinder, drei davon schwer verhaltensauffällig, eine Lehrkraft, ein Sozialpädagoge und drei Schulbegleiter. Erklären Sie, warum die Eltern der nicht förderbedürftigen Kinder sich keine Sorgen über die Unterrichtsqualität machen müssen.
Die Qualität von Schule und Unterricht muss stimmen. Dafür gibt es viele gute Instrumente wie die bundesweit durchgeführten einheitlichen Vergleichsarbeiten VERA in Klasse 3 und 8. Die Situation, die Sie beschreiben, zeigt ja, wie wir heutzutage mit multiprofessionellen Teams aus Lehrkräften, Schulassistenzen und Sozialpädagoginnen und -pädagogen die Schülerinnen und Schüler gut unterstützen. Zudem bilden wir die Lehrkräfte immer besser für den inklusiven Unterricht aus und fort. Wir wissen auch inzwischen: Kinder und Jugendliche können durch inklusiven Unterricht kognitiv und sozial wachsen. Es ist – das zeigen uns Untersuchungen – eine falsche Annahme, dass lernbegabte Schülerinnen und Schüler darunter litten, dass Mitschülerinnen und -schüler langsamer seien.

Viele Schulen Pinnebergs sind marode, die Stadt hat die Sanierungsarbeiten in Angriff genommen. Kiel hat viel geholfen. Was kann Kiel noch tun?

Die Fragestellung zeigt mir, dass Sie die Zuständigkeiten kennen: Der Schulträger ist für seine Schulgebäude verantwortlich. Wir helfen aber – zum Beispiel gibt es Geld vom Bund für energetische Sanierung: 100 Millionen Euro für Schleswig-Holstein. Die Landesregierung hat beschlossen, dies ausschließlich für Schulen und Kitas zu verwenden.

Die Schulen haben im vergangenen Jahr in den DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) Großes geleistet. Welche Früchte trägt diese Arbeit?

Es verdient in der Tat großen Respekt, wie es den Schulen im vergangenen Jahr gelungen ist, die große Zahl geflüchteter Kinder und Jugendliche zu integrieren. Aktuell werden derzeit im allgemeinbildenden Bereich 7 204 Schülerinnen und Schüler ohne deutsche Sprachkenntnisse in den Basisstufen beschult; sie verteilen sich auf 263 DaZ-Zentren, davon 20 an Gymnasien, und werden in 521 DaZ-Klassen unterrichtet. Weitere 4 451 Schülerinnen und Schüler erhalten an den berufsbildenden Schulen und regionalen Berufsbildungszentren ein Angebot an Berufsorientierung und Deutschunterricht.
Birgit Schmidt-Harder

Zur Person:
Britta Ernst (SPD) wurde 1961 in Hamburg geboren. Die Volkswirtin und Sozialökonomin war viele Jahre in der Hamburger SPD aktiv. Seit 2012 ist sie Fraktionsgeschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, im September 2014 wurde sie Ministerin für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein. Britta Ernst ist mit Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz verheiratet.

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